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binoviewer  - Praxistipps für Amateurastronomen

Das LIDL-Teleskop - Beschreibung, Tuning, Aufrüstung und Tipps zum Testen der Optik

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Das jährliche Spektakel:

Einmal jährlich kann man ein ganz besonderes Schauspiel beobachten. 6 Uhr morgens, irgendeine Lidl-Filiale. Eine Schlange von Männern jeglichen Alters wartet schon seit 4 Uhr morgens auf das Öffnen des Geschäftes. Eigentlich nichts ungewöhnliches, eine solche Menschenmenge vor einem Billigladen, aber normalerweise sieht man da nur Frauen in der Reihe stehen und geduldig warten. Heute aber, nicht eine einzige weibliche Gestalt! Gibt's etwa einen Luxusrasierer zum Schleuderpreis, oder Cockpitpflege für unter 1 Euro? Nein, weit gefehlt! Heute wartet eine ganz besonders edles Stück auf die Menge. Endlich ist es soweit, das Geschäft öffnet seine Pforten, ein Raunen geht durch die Menge und die Männer drängen sich hastig durch die viel zu schmale Türe. Suchend eilen Sie durch die Gänge, wo ist es bloß, wo mag sein, aaaahh, hier ist es ja! Der erste hat es schon gefunden, die anderen sind sofort zur Stelle. Jeder schnappt sich eines, manche nehmen sogar zwei und die ganz Gierigen kämpfen sich mit drei großen Paketen zur Kasse durch. "Gott sei dank", sagt der eine, "endlich hab ich auch eins", meint ein anderer. Jeder scheint erleichtert, die Lage beruhigt sich wieder, man ist zufrieden, der Himmel gerettet. Jetzt hab ich endlich auch ein Lidl-Scope!!!

Verpackung

Worum handelt es sich jetzt eigentlich genau, was ist das eigentlich für ein Teleskop?

Aufbau und Begriffsbezeichnungen:

Bei dem schönen Stück handelt es sich um ein Linsenteleskop, einen sogenannten Refraktor. Das bedeutet, dass die einfallenden Lichtstrahlen vorne vom Objektiv gebündelt werden und sich dann im Brennpunkt zu einem Abbild des beobachteten Objektes vereinigen. Dieses Abbild wird dann mit dem Okular vergrößert betrachtet. Das Okular, welches ganz hinten am Ende des Tubus eingesteckt wird, ist also nichts anderes als eine Art Lupe, mit der das Bild im Brennpunkt betrachtet wird.

der Refraktor
Abb.1: Strahlengang im Refraktor

 

Fraunhofer-ObjektivDas Objektiv selbst besteht beim Lidl aus zwei Einzellinsen, die durch einen Luftspalt getrennt sind (Abb.2). Ein Objektiv dieser Bauart wird in der Optik als 'Fraunhofer-Objektiv' bezeichnet. Bei diesem Objektiv-Typ bestehen die beiden Linsen aus verschiedenen Glassorten, womit es erst möglich wird, Licht verschiedener Farbe in einem einzigen Brennpunkt zu vereinigen und so die Bildschärfe wesentlich zu erhöhen. Der Luftspalt zwischen den Linsen hingegen verringert die sogenannte Sphärische Aberration, ein weiterer sehr unangenehmer Bildfehler, den eine Einzellinse aufweisen würde. Dieser Luftspalt wird beim Lidl durch einbringen eines dünnen Kunststoffringes erzeugt.

 

Abb.2: Fraunhofer-Objektiv

 

Die Montierung des Lidl-Scopes ist identisch mit der "Vixen-Cosmostar" und "Astro 3".

Montierung
Abb.3: die Vixen-Cosmostar Montierung

Die Montierung ist für ein Gerät dieser Größe ausreichend und trägt den Lidl recht stabil. Verglichen mit den bekannten Montierungen der chinesischen Firma Synta liegt sie zwischen der EQ2 und der EQ3. Die Cosmostar hat eine Skala zur Einstellung der geografischen Breite, Teilkreise in beiden Achsen, deren Ablesegenauigkeit bei etwa +/- 1° liegt und kann mit einem Nachführmotor für die Stundenachse (RA-Achse) ausgerüstet werden. Der Nachführmotor selbst ist beim Generalimporteur Vehrenberg sowie bei einigen anderen deutschen Astrohändlern zum Preis von knapp 100 - 150 EUR zu haben. Genauere Auskunft zu den Händlern und Preisen gebe ich gerne privat per Mail.

 

Tipps zur Montierung:

PrismenaufnahmeDas besondere an der Cosmostar ist aber die Aufnahme des Gerätes über eine Prismenschiene. Dadurch ist generell ein Schnellwechsel verschiedener Teleskope möglich, allerdings nur, wenn man sich die passenden Prismenschienen selbst bastelt. Die Prismenaufnahme der Cosmostar weist nämlich in ihrer Mitte eine große Sechskantmutter auf, (Abb.4) die zur Fixierung der Deklinationsachse nötig ist.

Diese Sechskantmutter kontert die eigentlich Prismenaufnahme, welche ihrerseit mit einem Gewinde auf der Dek-Achse sitzt.

 

 

 

 

 

Abb.4: Die Prismenaufnahme

 

PrismenschieneDie teleskopseitige Prismenschiene muss auf der Unterseite, an der Position der Sechskantmutter, eine Aussparung haben (Abb.5). Beim Lidl-Scope ist diese kurze Prismenschiene auf der Unterseite auch hohl und aus Metall. Die aufgeschraubte Rohrschelle ist aus Kunststoff, für den kleinen Lidl aber ausreichend stabil.

Eine weitere solche Prismenschiene kann man sich zum Beispiel aus einem entsprechenden Holzstück basteln, am besten aus einem Hartholz. Die nötige Ausnehmung wird einfach herausgebohrt, eventuell an verschiedenen Stellen, um das Gerät, je nach Gewichtsverteilung an verschiedenen Positionen aufsetzen zu können. Abb.5: Die Prismenschiene mit hohler Unterseite

Hier ein Tip von Richard Streck zur Verbesserung der Steifigkeit der Montierung (Auszug aus seinem Mail): "Die Stativbeine sind ja leider etwas schwächlich befestigt, bei meinem Scope sind es 6mm Schrauben in 8mm Bohrungen, mit entsprechendem Gewackel. Das brachte mich auf folgende Idee: Im Baumarkt gibt es Alu- oder Messingrohre mit 8mm Außendurchmesser und 1mm Wandstärke. Davon 6 dünne Ringe abgesägt (Wandstärke der Montierung), jeweils in die Bohrung eingelegt und das Problem ist behoben.

Nach dem ersten Aufbau der Montierung, sollte man zuerst deren Gängigkeit prüfen. Die Gängigkeit wird am komplett aufgebauten Gerät getestet. Zuvor muss das Teleskop in jeder Position im Gleichgewicht sein. Zum Einstellen des Gleichgewichtes verschiebt man das Gegengewicht entlang der Gegengewichtsachse und den Teleskoptubus selbst in der Prismenaufnahme. Mit dem Gegengewicht wird das Gleichgewicht in der Rektaszensionsachse, mit der Prismenaufnahme jenes der Deklinationsachse hergestellt. Nun gibt man der Rektaszensionsachse am Gegengewicht mit dem Finger einer Hand einen kleinen Schubs. Das Gerät sollte ganz leicht und flüssig eine gute Viertelumdrehung von alleine ausführen. Vor allem wenn an das Nachrüsten eines Nachführmotors gedacht wird, sollte man auf die leichte Gängigkeit der Rektaszensionsachse achten. Die Deklinationsachse hingegen muss nicht unbedingt so leichtgängig sein, da sie ohnehin immer von Hand bedient wird. Die Gängigkeit beider Achsen hängt vom Zug der Sechskantmuttern am jeweiligen Ende der Achsen ab. Durch lockern dieser Muttern und anschließendem verdrehen der Prismenaufnahme, kann die Gängigkeit verbessert werden. Die Sechskantmutter dient lediglich zur Konterung der Prismenaufnahme. Diese sitzt bereits selbst mit einem Gewinde auf der Dek-Achse und beeinflußt somit deren Gängigkeit.

Ebenfalls einstellbar ist das Achsspiel. Achsspiel tritt dann auf, wenn trotz angezogener Klemmungen, eine der beiden Achsen Spiel hat, sich also ein paar Millimeter hin- und herbewegen lässt. Das Prinzip ist in beiden Achsen dasselbe. In jeder Achse befindet sich ein sogen. Schneckenrad, ein Zahnrad, welches durch die Schneckenwelle bewegt wird und dadurch die Achse antreibt. Die Schneckewelle selbst sitzt im Schneckengehäuse, etwas außerhalb der Achse (siehe dazu auch die beiden nachfolgenden Bilder).

Deklinationsachse Rektaszensionsachse
Abb.6: Justierung der Deklinationsachse Abb.7: Justierung der Rektaszensionsachse

 

Das Achsspiel wird in zwei Schritten beseitigt.

1. Justierung der Schneckenwelle:

Dies ist notwendig, wenn die Achse, auf der die Feinbewegung (biegsame Welle) befestigt ist, raus und rein fährt. Das bedeutet, dass die Schneckenwelle ein Spiel hat. Man entfernt zuerst die biegsame Welle für die Feinbewegung und schraubt die Sechskantmutter runter. Dann zieht man die freiwerdende Splintschraube leicht an, mit viel Gefühl und keinesfalls zu fest. Gerade so, dass das Spiel beseitigt ist. Zuletzt wird die Sechskantmutter wieder darübergeschraubt.

2. Justierung der Schneckenwelle zum Schneckenrad:

Man lockert zuerst die beiden Fixierschrauben der Schneckenlagerung. Diese Schrauben sind von unten gut sichtbar. Nun kann die Position des gesamten Schneckengehäuses zur Achse per Hand verändert werden. Geht die manuelle Verstellung über die biegsamen Wellen zu streng, so zieht man das ganze Schneckengehäuse mit Gefühl ein klein wenig von der Achse weg und fixiert es wieder mit den Fixierschrauben. Damit verbessert man also auch die schon oben beschriebene Gängigkeit. Hat man hingegen Achsspiel, so drückt man das Schneckengehäuse ein wenig gegen die Achse und fixiert dort. Der Andruck sollte genau so groß sein, dass kein Achsspiel auftritt und trotzdem eine leichte Gängigkeit erreicht ist. Dafür ist viel Geduld und Gefühl nötig!

Nachdem nun sowohl die Gängigkeit optimal, als auch kein Achsspiel mehr vorhanden ist, kann die Polhöhe eingestellt werden. Die Polhöhe ist nichts anderes, als die Höhe des Himmelsnordpols über dem Nordhorizont, entspricht also etwa der Höhe des Polarsterns. Dadurch erreicht man, dass die Polachse der Montierung parallel zur Erdachse ausgerichtet wird. Nur so ist es dann möglich, allein durch das Bedienen der biegsamen Welle der Rektaszensionsachse einem Objekt im Teleskop bei der Bewegung über den Himmel zu folgen und damit die Erdrotation auszugleichen. Um die Polhöhe einzustellen muss man lediglich den Geografische Breitengrad des jeweiligen Beobachtungsortes wissen und diesen Wert an der Polhöhenskala einstellen (Abb.8).

PolachseWissen Sie Ihre Geografische Breite nicht, so gehen Sie einfach im Internet auf die Seite www.heavens-above.com (klicken Sie auf den Link, es öffnet sich ein neues Fenster). Auf der Startseite gehen Sie rechts unten als 'Anonymous User', mit Klick auf 'Select your location from our huge database' in die Länderliste, wählen dort Ihr Land aus und geben in das Suchfeld des folgenden Fensters den Namen Ihres Beobachtungsortes oder der nächstgelegenen größeren Ortschaft ein und erhalten im Ergebnis die zugehörigen geografischen Daten. Mit 'Latitude' ist die Geografische Breite bezeichnet, welche Sie nun brauchen. Dabei genügt eine Genauigkeit von einem Grad, da die Polhöhenskala auf der Montierung ohnehin keine genauere Einstellung zulässt. Den so ermittelten Wert stellen wir nun mit Hilfe der Ablesemarke auf der Polhöhenskala ein. Damit ist die Montierung zur visuellen Beobachtung mit mehr als ausreichender Genauigkeit eingestellt. Jedoch zeigt die Polachse jetzt noch nicht automatisch auf den Himmelsnordpol, nur die Höhe des Himmelsnord- pols ist nun eingestellt, die Position in links-recht-Richtung, der sogenannte Azimut, aber noch nicht. Dazu peilt man entweder entlang der Polachse auf den Polarstern, oder halten einen Kompass an die Polachse und richtet so das ganze Gerät nach Norden aus, sodass der obere Teil der Polachse nach Norden zeigt, das untere Ende nach Süden. (siehe auch die Himmelsrichtungen im Bild links). Abb.8: Ausrichten der Polachse

Erst jetzt ist die Nachführung von Objekten alleine durch Bewegen der Rektaszensionsachse möglich und man kann mit der ersten Beobachtung beginnen...

 

 

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